Article from German magazine "Stern", 1966.

Esther & Abi Ofarim - foto (c) Stern

Ehemann Abi Ofarim: "Wir leben frei und tun, was uns gefällt. Wenn Esther abends müde ist, gehe ich alleine tanzen."

Esther & Abi Ofarim - foto (c) Stern



Sie ist ein Dornröschen, und er ist ein Beatle. Sie kann tagelang im Bett entspannen, träumen, lesen - sehr langsam und nur Theaterstücke. Er kann stundenlang twisten, flirten, plaudern - sehr lebhaft und nicht ohne Selbstironie. "Und weil die Leute den Mund nicht nur zum Essen haben", sagt Abi Ofarim, "sprechen sie von Scheidung, sobald sie herausgefunden haben, was für Gegensätze wir sind." Dabei feierte das ungleiche Paar am 11. Dezember seinen 7. Hochzeitstag. Der Tänzer und Choreograph Abraham Reichstadt, geb. am 5. Oktober, war 21, und die Schauspielerin Esther Zaied, geb. am 13. Juni in Zafed im biblischen Galiläa, war 18 Jahre alt, als sie schnell und schlicht zum Rabiner gingen. Die Eile war verständlich: Esther diente den dritten Monat beim Militär, wo sie sich nicht gerade wohl fühlte und als Ehefrau gleich suspendiert wurde. Der mangelnde Pomp der Hochzeit war unumgänglich: Beide enstammen einfachen Familien, und Abis Vater hatte wenige Monate zuvor wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten den Freitod gesucht. Die Karriere der Esther Ofarim begann mit einem Kuß von Elisabeth Bergner, der heute in London lebenden großen alten Dame der deutschen Bühne. Die Bergner trat in Israel in einer Wohltätigkeitsveranstaltung für Soldaten mit Rezitationen auf. Die dreizehnjährige Esther war ausersehen, der Künstlerin mit einem Kinderlied zu danken.
Erinnert sich Esther: "Sie war so wunderbar. Noch heute weiß ich in allen Einzelheiten, wie Frau Bergner ausschaute, wie sie sich bewegte, wie sie auf mich zukam, wie sie mich umarmte und küßte. Respekt hatte ich schon immer vor der Schauspielkunst, jetzt aber begann meine Liebe für die Bühne."
Zu der Liebe kam Talent, und Talent bedarf der Ausbildung. Woher sollte der Bauarbeiter Zaied, der sechs Kinder großzuziehen hatte, das Geld nehmen? Esther mochte die stark religiös gefäbrte Mädchenschule nicht, die Hochschule aber ist sehr kostpspielig. Weil die ganze Familie von ihrem "Wunderkind" überzeugt war, das schon in der Hauptrolle von "Cinderella" auf der Bühne glänzte, gab es keine langen Diskussionen.

Esthers Mutter, eine bemerkenswerte Frau, entschied, dass zwei der Kinder in ein Kibbuz zur Schule gegeben würden. Sie selbst verdingte sich als Haushälterin. So bekam Esther die beste Ausbildung, die es gab - ohne je daran zu denken, Sängerin zu werden. Noch heute, glücklich über den Welterfolg ihres Lieblings, glauben die Zaieds mehr an die extreme schauspielerische Begabung ihrer Tochter. Da der Vater seit sechs Jahren herzkrank und arbeitsunfähig ist, sind sie heute auf Esthers (reichliche) Geldsendungen angewiesen.

Weniger umsorgt und behütet hat sich Ehemann Abi zu seinem Bühnenziel durchgeboxt. Erst arbeitete er in Vaters Werkstatt für elektrisches Autozubehör, später in einer Fabrik ("Dabei habe ich zwei linke Hände"). Während seine Mutter
an Depressionen erkrankte, sein Bruder zur See fuhr und seine Schwester Friseuse lernte, nahm er in Abendkursen Ballettunterricht, bekam mit dreizehn Jahren ein Stipendium und hatte sich dann, lange bevor er volljährig wurde, bereits als Choreograph einen lokalen Namen gemacht.


Flitterwochen gab es bei den Reichstadts nicht. Dafür nach schwerer Arbeit gemeinsame Träume, manchmal mit Musik. Abi zupfte die Gitarre und Esther sang - daheim in Mutters kleiner Stube. Der Plan, aus dieser Hausmusik einen lukrativen Nebenerwerb zu versuchen, stammt von Abraham. Er suchte schon lange nach einer List, die ihn aus der Fabrik herausbringen sollte ("Ich mag keine mechanische Arbeit"). Zunächst gab der Thaterklub dem jungen Paar die Chance, mehrere Wochen lang abends vor dreihundert Zuschauern eine Stunde mit einer Schau aus Tanz, Sketch und Moritätensongs auszufüllen. Die Gage war dem Idealismus aller Kunstbetätigung junger Leute in Israel angepasst, aber der Erfolg stellte sich in Form eines Telegramms aus Tel Aviv ein. Der dortige Theaterklub engagierte beide für Hauptrollen in einem biblischen Stück um die Königin von Saba. Abraham musste nach zwei Wochen passen. "Die biblische Sprache war zu schwer für mich. Das ist so wie Skakespeare in Indien."

 

Was sich noch alles ereignete, ist nur im Zeitraffer wiederzugeben. Zwei Hürden waren zu überspringen, ehe es die erste Langspielplatte der Firma Israphon, Tel Aviv, mit der Sängerin Ofarim (hebräisch = Rehkitz) gab: Esthers Scheu vor dem Schaugeschäft ("Ich bin Schauspielerin, ich bin keine Unterhaltungskünstlerin") und die Skepsis der Manager ("Was Sie anbieten, ist kommerziell uninteressant").

Das junge Paar hatte alte jüdische Lieder neu arrangiert, Lieder, die in Israel zum grössten Teil so vergessen waren wie manche alte deutsche Volkslieder bei uns. So entstand die erste Platte zu einem Festpreis, ein Abkommen, über das sich Abi heute noch ärgert, weil er sonst immer noch Tantiemen von diesem Überraschungserfolg in seiner Heimat beziehen würde. 1961 gewann Esther den ersten Preis in einem Chanson-Wettbewerb in Tel Aviv und die Sympathien von Frank Sinatra, der sie für das Rahmenprogramm seiner sieben Konzerte in Israel anheuerte.

Berichtet Abi: "Sinatra war sehr freundlich und sehr nett. Aber er hat kalte Augen. Esther durfte sein Mikrophon benutzen, was er sonst nie gestattet. Wenn wir mal abends zusammensaßen, wurde nur übers Schaugeschäft gesprochen. Eine richtige Unterhaltung kam nie zustande, weil alle zehn Minuten irgendwelche Leute kamen, die ihn mit Fragen unterbrachen oder Nachrichten für ihn hatten."

Eine weitere Chance für Esther gab es bei Otto Preminger, der "Exodus" in Israel drehte.
Er beschäftigte sie in einer kleinen Rolle neben Paul Newman. 1962 kam eine Einladung für beide nach Polen. Sie gewannen auf dem Festival von Zoppot, schlossen eine dreiwöchige Tournee an und gingen nach Genf, wo der erste Fernsehvetrag wartete. Als Esther dann beim "Grand Prix Eurovision" in London auftrat, füllten sich die Zeitungen mit Geschichten über den "Spatz von Haifa". Seit 1963 sind sie nun auf der Erfolgsleiter in Amerika und Europa die Schrittmacher einer musikalischen Renaissance mit Folklore-Titeln.

Wer diese Karriere-Story flüchtig zur Kenntnis nimmt, könnte meinen, Esther allein sei aus dem Startloch geschnellt und habe Abi als Anhängsel mitgeschleift. Das ist falsch. Denn Abi ist der Treibsatz für die Rakete Esther. Seine Ideen gehören zu ihrer Stimme wie seine Erfahrungen zu ihrer Ausdruckskraft. Er mag "nur" die Zweitstimme und die Gitarrenbegleitung liefern, aber er ist ein vollwertiger Partner. Seine Beatle-Ausstrahlung auf junge Menschen, die noch um ihre äußere Form ringen, rundet das Publikum der Ofarims um viele jungendliche Jahrgänge ab. 43 Konzerte in 32 Städten haben das im vergangenen Jahr bestätigt.
Wie begründen die Ofarims ihren Erfolg?
Esther:"Ich denke, wir haben etwas Neues gebracht, wir sind jung, frech und stark im Vortrag. Wir haben etwas zu sagen, wenn wir auf der Bühne stehen, und das Publikum versteht den Text selbst dann, wenn er in einer fremden Sprache ist"

Esther & Abi Ofarim - foto (c) Stern

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Esther & Abi Ofarim - foto (c) Stern

Abi: "In vier Jahren haben die Leute soviel Bum-bum gehört. Es ist nicht nur, dass wir etwas anderes bringen. Wir singen nicht nur, wir erklären, wir schauspielern, aber wir sind noch nicht zufrieden mit unserer Form..."
Frage: "Sind Sie privat mit Ihrer Optik auch nicht zufrieden?"
Esther: "Nein."
"Aber Sie haben wunderschöne fast schwarze Augen!"
Abi: "Sie mag ihre Augen nicht. Sie will blaue Augen haben oder grüne."
Esther: "Wissen Sie, nicht alle Leute, die in den Spiegel blicken, sehen sich so, wie sie von anderen gesehen werden. Das ist kompliziert."
"Was stört Sie, was müßte besser sein?"
Esther: "Alles!"
Abi: "Auf der Bühne hat sie ein anderes Gesicht. Manchmal habe ich sie heimlich beobachtet. Sie spielt mit dem Spiegel herum und tanzt dabei."
"Liegt es am Make-up? Sie haben ein Markenzeichen, einen bestimmten Strich am Auge, schwarze Striche à la Esther..."
Esther: "Ich bin nie zufrieden. Ich mag meine Hände. Meine Zähne sind ganz hell und sehr gesund. Meine Ohren..."
"... stehen nicht ab. Warum verstecken Sie sie dann?"
Esther: "Ich bin eine Nofretete."
Frage: "Und Sie Abi, wie sehen Sie sich?"
Abi: "Eine unebene Nase habe ich. Wenn ich alles erzähle, was ich an mir sehe, dann ist das einfach zuviel. Aber ich habe Sex. Und außerdem zu viele Intereressen. An Musik zum Beispiel. Dann Filmproduktion, dann Gitarre, dann Ballett, dann Regie, dann Beleuchtung."
"Und Esther?"
Abi: "Bei Esther ist es schwer. Ihre Freizeit findet im Bett statt. Hundert Jahre schlafen. Sie mag antike Sachen. Sie möchte immerzu Antiquitäten kaufen. Aber wohin damit? Sie mag Vögel. Sie hat Angst vor Hunden. Vor großen besonders, bei kleinen geht es noch. Ich liebe Hunde. Wir können aber keinen Hund haben. Es ist ja nicht immer alles so, wie die Leute denken, rosarot und schön, teure Hotels, etwas verrückte Artisten. Esther und ich hassen Leute, die einen Namen haben und es immer zeigen. Vielleicht hat es vor zwanzig Jahren in Hollywood noch Halbgötter gegeben, die Stars von heute sind nach meiner Meinung nicht mehr als die Menschen von heute."
Frage: "Gibt es häufig Meinungsverschiedenheiten bei Ihnen?"

Abi: "Wir haben oft Streit über die artistischen Punkte. Nur in Geschmacksfragen sind wir uns fast immer einig. Wenn Esther müde ist und nicht ausgehen möchte, dann kann ich allein tanzen gehen. Wir leben frei und wir finden es gut, wenn zwei Menschen ganz verschieden sind. Wenn Esther soviel Temperament hätte und so verrückt wäre wie ich, dann hätte ich mit ihr nicht leben können. Umgekehrt ist es wohl genauso. Nach einer Woche wäre alles kaputt."

 


Frage: "Bei uns sagt man jetzt, Heimat ist dort, wo die Grundstücke billig sind. 
Wo fühlen Sie sich zu Hause?"
Esther: "Das ist jedes Jahr schwieriger zu beantworten. Wir reisen immer mehr und sehen immer weniger von der Welt. Mehr Flughäfen, mehr Theater, mehr Fernsehstudios, mehr Hotels. Sonst nichts. Wir haben Wohnungen in New York, 
Israel und München, aber keinen festen Platz.
Abi: "Die Welt ist unser Zuhause, das Publikum ist unser Zuhause. Es ist unserer Heimat, ja, aber einmal im Jahr eine Woche in Israel ist nicht genug. Wir sprechen hebräisch miteinander, aber jetzt, nach ein paar Jahren, haben wir das ein oder andere Wort vergessen."
Frage: "Sie nennen sich selbst unpolitische Menschen, greifen nur einmal in der Woche nach einer Zeitung - und singen doch Lieder mit starkem Engagement. Es ist nicht nur Stille drin, Schönheit und Harmonie, sondern häufig auch Aggressivität. Wie erklären Sie das?"
Abi: "Ich bin nicht so dumm, dass ich nicht weiß, was auf der Welt passiert. Aber ich brauche keine tägliche Information über Vietnam. Einmal in der Woche genügt mir zu erfahren, wieviel Menschen dort gestorben sind. Es tut weh genug. Aber darum suchen wir nicht nach Protest-Songs, wie es jetzt in Amerika modern ist. Wir haben solche Lieder, weil der Text für uns genauso wichtig ist wie die Musik. Wir machen, was uns gefällt. 
Wir wollen das Publikum nicht belehren wie Bob Dylan."
"Bob Dylan ist mit seinen Protest-Songs in den letzten Monaten zum Idol der Jugend Amerikas geworden. Zusammen mit der Sängerin Joan Baez, die mit seinen Texten reich wurde, führt er die Hitparaden an. Was halten Sie von Joan Baez?"
Abi: "Sie singt ohne Schuhe und fährt einen Jaguar. Ich liebe Leute, die von einem Extrem ins aldere fallen. Sie hat keine Steuern bezahlt im letzten Jahr. Sie sagt, sie will nicht, dass ihr Geld nach Vietnam gehen soll. Das Geld geht auch nach Deutschland. Das Geld geht auch nach Afrika. Wer ist sie, dass sie sich selbst so überschätzen kann? Ich glaube, das ist - ich möchte nicht Dummheit sagen - eine Masche. Bob Dylan hat vor drei Jahren sehr gute Lieder geschrieben. Jetzt singt er so wie die Beatles."
"O Gott, wenn Sie das alles schreiben", sagt Abi Ofarim zum Abschied, 
"Das wird eine schreckliche Geschichte."
Es wurde die wahre Geschichte über zwei Künstler, 
'die hier und heute erfolgreicher sind als alle anderen.

Wilfried Achterfeld, Stern, 16. Februar, 1966.

 

Stern, 16. Februar, 1966.

 

www.esther-ofarim.de